Auf meinem Instagram-Profil frage ich hin und wieder, welche Themen interessant sind, worüber ein Artikel lesenswert wäre.
Dabei kam auch die Frage auf, wie ich es schaffe, auch in stressigen Situationen ruhig zu bleiben.
Die Antwort darauf ist ganz simpel: Gar nicht.
Ich bleibe oft ruhig, ja, hilft ja auch meistens nichts, laut zu werden, aber immer? Nö! Ich meine, ehrlich mal, gibts das? Jemanden, der immer cool und besonnen, liebevoll und geduldig ist? Ich bin es jedenfalls nicht.

Natürlich übe ich jeden Tag, arbeite an mir. Und ja, ich bin geduldiger als ich es noch vor einem Jahr war, ich bin heute besonnener als gestern (und morgen vielleicht wieder nicht?). Ich lerne jeden Tag dazu, ich bin achtsam(er) geworden, ich kann weiteratmen und ruhig bleiben. Ich habe viele gute Tage. Aber eben auch schlechte. Bedürfnisorientiert zu erziehen (oder eben: nicht zu erziehen 😉 ) – “Attachment Parenting” – ist ja auch nicht immer nur Friede-Freude-Eierkuchen und, wie ich finde, oft auch fordernder als “herkömmlich” bzw. distanziert zur erziehen – “Detachment Parenting”.

Schnee (Bild)

Gerade haben wir wieder eine sehr anstrengende Phase. Und solche Zeiten kommen immer mal wieder, vor allem jetzt, wo die Kinder noch so klein sind und ich meistens alleine für sie “zuständig” bin. Und im Winter ist sowieso vieles anstrengender und die Zeit um den zweiten Geburtstag habe ich auch von Milan noch als sehr fordernd in Erinnerung.

Ich stecke zurück, schiebe meine eigenen Bedürfnisse auf, bin dauerhaft überreizt, ich komme zeitweise sehr nahe an meine eigenen Grenzen. Sicherlich etwas, woran ich noch arbeiten muss.
Wir sind viel alleine, die Tage sind trüb und nass, oft fehlt der Elan, länger raus zu gehen. Uns fehlt frische Luft, Sonne, Ausgleich. Maggie macht – wie gesagt – eine spannende Entwicklungsphase durch, sie klammert viel an mir, stillt häufig und ist chronisch unzufrieden, wie es scheint, motzt und jammert und weint viel. Gestern erst habe ich sie mehrmals davon abgehalten, auf die Straße zu rennen – großes Geschrei, Hauen, Treten, mit dem Kopf schlagen… Ganz “normales”, völlig legitimes Verhalten, aber auch enorm Kräfte zehrend, ihre, meine, unsere. Abends ist sie lange wach, dadurch fehlt Milan die Zeit, die er sonst mit mir alleine hat. Zusätzlich kommt keiner der Beiden zur Ruhe, weil sie sich immer wieder gegenseitig aufstacheln und hochpuschen. Dadurch ist es hier in letzter Zeit am Abend sehr unruhig, chaotisch, laut, nicht selten endet der Tag in wütendem, verzweifelten, übermüdeten Kindergeschrei. Ich finde das natürlich anstrengend. Und merke, wie meine innere Gereiztheit von Minute zu Minute steigt und wie viel schwerer es mir fällt, nicht auch wütend zu werden.

Letztens klopfte es sogar an der Wand, als die Kinder abwechselnd am Brüllen waren! Und das ist dann ein Punkt, wo ich wirklich Herzklopfen bekomme. Ich habe viel darüber nachgedacht und sage dir ganz ehrlich: es ist weniger die “Angst” vor den Anderen (“Was denken die jetzt bloß von mir?”), vielmehr ist es die Angst vor mir selbst, vor meiner eigenen inneren Kritikerin, die in solchen Momenten laut wird und fragt “Solltest du das nicht besser im Griff haben? Solltest du nicht dafür Sorge tragen, dass die Kinder ruhig sind?” Und die Zweiflerin, die sich fragt “Bin ich eigentlich eine gute Mutter?” Und diese Angst, diese Unsicherheit, sind wirklich tödlich für die Geduld, die Besonnenheit, die Ruhe. Wenn ich es bis dahin geschafft habe, weiterzuatmen, zwischen den schreienden, wütenden Kindern, ihre Wut liebevoll zu begleiten und mir selbst zu sagen, dass sie gerade ebenso sehr in Not sind wie ich es bin, ist jetzt der Zeitpunkt, wo ich plötzlich selbst wütend werde. Wut, die meine Angst überdeckt, Wut als Warnsignal, die mir die Luft abschnürt und die mich dann oft selbst laut werden lässt. Du kannst es dir denken: hilft überhaupt nichts. Die Kinder schreien, ich schreie, die Kinder erschrecken sich und werden noch lauter. Und wir alle sind mitten im Kampf-oder-Flucht-Modus. Kommt dir bekannt vor?

Der Große im Schnee (Bild)

Natürlich, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, wenn ich ein wenig zu Atem gekommen bin, weiß ich, dass das ziemlicher Quatsch ist, diese ganze Angst und die Selbstzweifel. Jede andere würde ich in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie alles ganz wunderbar macht. Dass es eben Zeiten gibt, wo alles ein bisschen schwieriger ist. Dass sie Großartiges leistet. Und dass es eben auch wieder besser wird – und meistens wird es das ja schneller, als man meint. Ich versuche, diese Freundlichkeit auch mir selbst zu zeigen, das gelingt mal mehr und (leider bislang noch deutlich öfter) mal weniger gut. Aber ich übe mich in Selbstliebe und Selbstfürsorge. Und schaue, ob ich etwas tun kann, um die Situation besser zu machen – oder zumindest erträglicher. Denn manchmal ist es wohl so, dass man nur noch ein Weilchen durchhalten muss.  

Wie schaffe ich es also, im Stress ruhig zu bleiben – wenn ich es denn schaffe? Ich glaube, das ist auch einfach Übungssache. Ich reflektiere viel, denke über Situationen, die nicht so toll gelaufen sind, nach, überlege, wie ich es beim nächsten Mal besser machen kann. Ich frage mich selbst “Was fehlt mir? Was brauche ich?”

Tatsächlich denke ich, dass dieses “Für sich selbst sorgen” auch das größte “Geheimnis” ist, wenn es um den Umgang mit schwierigen Situationen geht. Und damit meine ich gar nicht mal große Sachen, wie in Ruhe baden oder eine Stunde lesen oder sonst etwas (utopisch, echt mal! 😉 ) – denn ich weiß gut, wie schwierig es ist, sich diese Zeit zu nehmen, wenn man kleine Kinder hat, und muss oft selbst nur gequält lächeln, wenn ich in einer akuten “Krise” solch’ einen (sicherlich gut gemeinten) Ratschlag lese. Es sind aber auch die kleinen Dinge, die schon viel bewirken. Genügend zu essen und zu trinken. Ich bin viel ungeduldiger und gereizter, wenn ich nicht genug getrunken habe. Klingt banal, aber ein Glas Wasser zu trinken, hilft mir wirklich sehr!

Ich erinnere mich selbst daran, dass die Wut, die Anhänglichkeit, die Wildheit der Kinder sich nicht gegen mich richten. Dass sie in einer emotionalen Notsituation sind, dass sie eine rasante Entwicklung durchmachen. Ich nehme ihr Verhalten nicht persönlich. Ich lese. In Blogs, in Büchern, in Foren, auf Facebook. Es tut so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist! Ich mache mir auch immer bewusst, dass diese anstrengenden Phasen vorübergehen. Gerade beim ersten Kind fühlt es sich ja manchmal so an, als würde es nie wieder besser werden. Aber natürlich wird es das. Und jetzt, bei Maggie und mit der Erfahrung der letzten vier Jahre, kann ich mir das auch an ganz schlimmen Tagen recht schnell bewusst machen und weiter atmen.

Ich bin nachsichtig mit mir. Ich versuche, mich nicht fertig zu machen, wenn ich doch mal laut geworden bin. Ich erkläre es den Kindern. Ich erkläre es meinem Mann. Ich erkläre es mir selbst. Wir sagen uns, dass wir uns lieben.

Und, wie anfangs gesagt, ich übe. Wenn ich merke, es wird zu wild und ich bekomme einen Knoten im Bauch, sage ich mir ganz bewusst “Stopp!” Ich trinke ein Glas Wasser, ich atme tief ein, ich gehe einen Moment aus der Situation – wenn das möglich ist. Ich sage mir, dass es die Situation nicht ändert und schon gar nicht besser macht, wenn ich jetzt (auch) ausraste. Ich konzentriere mich auf die guten Dinge, die schönen Momente. Ich nehme mir ein Beispiel an den Kindern: gerade noch haben sie wild getobt, gewütet, geweint, konnten ihre Gefühle ausleben – nun geht es ihnen besser und sie spielen weiter, als sei nichts gewesen, leben im Moment, statt sich zu geißeln, weil sie sich vermeintlich “falsch” verhalten haben.

Tina und die Kleine (Bild)

Es ist eine Entwicklung. Und, auch wenn es im Internet oft nicht so aussieht, diese Entwicklung braucht Zeit. Was ich heute schreibe, beruht auf vier Jahren Erfahrung als Mutter, vielen Tränen, vielen Zweifeln, viel “falsch machen”, viel Arbeit an mir selbst – die 23 Jahre, bevor ich Kinder hatte, lasse ich mal außen vor, denn das war ein ganz anderes Leben, gehts dir auch so?
Vor allem im letzten Jahr bin ich wirklich sehr gut voran gekommen, aber das ist ja auch wieder das Ergebnis verschiedener günstiger Umstände – viele Bücher, neue Bekanntschaften, Internetartikel, Facebookgruppen. Das Aufgeben alter Glaubenssätze und die Entscheidung, ganz ich zu sein – unabhängig davon, ob das nun meinem Umfeld (oder allgemeiner gesprochen: der “Gesellschaft”) passt oder nicht. Ich will Ich sein und daran arbeite ich, auch wenns weh tut.

Und das ist es auch, was ich antworten möchte, wenn ich gefragt werde “Wie schaffst Du es, IMMER ruhig zu bleiben?” – Gar nicht. Und das ist auch okay und menschlich. Ich darf Fehler machen (wenngleich ich es so nicht mal nennen würde, Du weißt schon, das altbekannte Sprachproblem…), das hilft mir ja, voran zu kommen. Was ich nicht will, ist, mich darauf auszuruhen, zu sagen “Ach ja, ich kanns halt nicht!” Ich mache weiter und ich werde die, die ich sein will. Und wenn ich dann mal doof war, ist das eben so und ich lerne daraus. Ich bin mir gegenüber genauso liebevoll, nachsichtig, hilfsbereit, wie ich es meinen Mitmenschen gegenüber bin, wenn sie nicht weiter wissen. (Oder zumindest versuche ich es – und es gelingt mir mit der Zeit immer besser!)