Lange schon will ich diesen Beitrag schreiben. Dass ich es erst heute tue, liegt daran, dass es mir wirklich schwer fällt. Denn ich schreibe über eine Zeit, an die ich nicht gerne zurück denke. Aber ich will es heute (endlich) wagen. Weil es so wichtig ist! Nicht so sehr für mich, für uns, die wir diese Zeit überstanden haben, aber für alle, die jetzt ein Schreibaby haben, ein High-Need-Baby. Ich habe damals selbst alles gelesen, was ich finden konnte. Um mich nicht so alleine zu fühlen. Nicht so hilflos. Nicht so schuldig. Ich wollte, dass mir jemand sagt, dass es vorbei geht. Jemand, der es selbst (üb)erlebt hat.

Ich wollte mein Leben lang nichts anderes, als Mutter sein. Schon als Kind war meine Babypuppe mein Ein und Alles, voller Stolz schob ich sie in einem Kinderwagen durch den Edeka, hatte sie häufig und überall dabei. Ich kaufte ihr Anziehsachen in der Babyabteilung – einen Schlafanzug bewahrte ich auf und Milan trug ihn, als er etwa 12 oder 13 Jahre später geboren wurde. Als Jugendliche erzählte ich leidenschaftlich gerne, dass ich einmal fünf Kinder haben würde. Nicht selten wurde ich für diese “Spinnerei” belächelt. Aber das war mir egal.

Als wir uns (endlich!!!) bewusst für Kinder entschieden und ich schwanger war, war ich überglücklich. Ich las, ich bereitete vor, ich träumte. Ich war auf alles vorbereitet. Nur nicht darauf, dass mein Kind stundenlang schreien würde. Scheinbar grundlos.

Weinendes Baby auf Mamas Arm.

Direkt nach seiner Geburt gab man mir Stillhütchen. Obwohl ich mich schon in der Schwangerschaft informiert und dagegen entschieden hatte, traute ich mich nicht, sie abzulehnen. Unsere Stillbeziehung war zerstört, ehe sie überhaupt angefangen hatte. Es klappte nicht, ich begann die Hütchen zu hassen, es tat weh, er verschluckte sie ständig, ging aber ohne Hütchen nicht an die Brust. Bei jedem Anliegen wurde mir hundeübel und ich zitterte am ganzen Körper. Nach fünf Wochen gab ich auf und stillte ab. In dieser Situation das Beste, für mich ein harter Schlag. Ich wollte stillen, mindestens ein Jahr. Und ich hatte versagt. Ich versuche freundlich zu mir zu sein, es ist, wie es ist, Stillen ist nicht alles, ich gab (und gebe) ihm trotzdem so viel; aber es tut weh. Auch jetzt noch, fast vier Jahre später, tut es entsetzlich weh.

Tagsüber war er unruhig und schrie auch, ließ sich aber im Tragetuch oder im Mysol (Tragehilfe von Girasol aus Tragetuchstoff) relativ gut beruhigen. Ich trug ihn stundenlang. Ab 17, 18, 19 Uhr half auch das nicht mehr. Und er schrie. Nicht eine Stunde, nicht zwei, sondern teilweise bis nach Mitternacht. Nicht am Stück, aber mit nur kurzen Unterbrechungen. Organisch war alles in Ordnung. Nicht mal Bauchschmerzen hatte er, jedenfalls nicht übermäßig. Ich spürte, dass ihm die Welt einfach zu viel war. Dass er wie ich war, „anders“, empfindlich (erst ein halbes Jahr später stieß ich auf den Begriff, den Wesenszug, „hochsensibel“). Egal, was war, egal, wie der Tag gewesen war, ruhig, “normal”, turbulent – er schrie. Und niemand wusste, wieso.

Wir waren beim Osteopathen, als er 10 Wochen alt war. Ich hatte so sehr auf diesen Termin gehofft, hatte ich doch von wahren “Wunderheilungen” gelesen. Es half so gut wie nichts. Einzig die Bestätigung tat gut. Zu hören, dass er sehr aufmerksam sei, viel mitbekäme. Dass er eine ungewöhnlich ausgeprägte Körperspannung habe. Dass es jetzt anstrengend sei, aber wir noch viel Freude mit ihm haben. Dass wir uns überlegen sollten, ihm (bald) ein Geschwisterchen zu verschaffen. Aber er schrie auch nach den beiden Terminen beim Osteopathen weiter. Inzwischen fand ich mich damit ab, ich blieb bei ihm, ich hielt ihn, ich ließ ihn seine Trauer, seine Wut, seinen Schmerz bei mir abladen. Mein Mann lag mit ihm im Bett und hielt ihn, während er schrie, wenn ich nicht mehr konnte.

Mit 4,5 Monaten begann er zu robben. Ab da wurde es ganz langsam besser. Das Schreien wurde weniger. Irgendwann im Sommer, ich denke, er war etwa 5,5 Monate alt, stellte ich abends, als ich ihn in den Schlaf trug, fest, dass dies der erste Tag gewesen war, an dem wir das Tragetuch nicht gebraucht hatten.

Inzwischen ist aus unserem Schreibaby, aus unserem High-Need-Baby, ein hochsensibles (High-Need-)Kind geworden. Er braucht immer noch viel. Er fühlt immer noch viel. Es ist immer noch oft fordernd und anstrengend. Wenn er überreizt ist, schreit er sich immer noch in Rage. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht ist es Vererbung, vielleicht eine Verkettung verschiedener Umstände – der Sorge und des Stresses um seinen Papa, der drei Wochen vor seiner Geburt sehr überraschend und sehr kurzfristig ins Krankenhaus musste, die für mich traumatische Krankenhausgeburt – vielleicht auch einfach „Pech“. Aber genauer betrachtet ist das auch nicht (mehr) wichtig, ich habe mir viel zu lange darüber den Kopf zerbrochen. Es ist wie es ist, er ist, wer er ist, und er ist ein ganz wunderbarer Mensch! Wir lernen so viel voneinander und miteinander.

Eine verzweifelte Mutter.

Vielleicht liest du das hier gerade mit deinem schreienden Kind im Arm. Vielleicht liest Du es in einer kleinen Pause, mit Augenringen und zu Tode erschöpft. Lass mich dir sagen: du bist nicht alleine. Ich bin wie du. Und es sind noch so viele mehr. Du bist nicht Schuld. Lass dir das nicht einreden, nicht von anderen und nicht von dir selbst.
Es wird besser. Wirklich! Du schaffst das. Es fühlt sich unendlich an, aber das ist es nicht. Vielleicht dauert es Wochen, Monate, ein Jahr. Aber es geht vorbei. Und du wirst es überstehen. Du machst das so so gut, da bin ich mir sicher!

Du bist nicht allein! Und wenn du dich doch einmal alleine fühlst und nicht weißt, an wen du dich wenden sollst, darfst du mir gerne schreiben (info@froschferkel.de). Ich weiß, wie es ist. Ich kenne die Angst, den Schmerz, die Ohnmacht, die Wut. Ich bin da.