Stillen. Darüber kann man ja streiten. Man kann es auch lassen. Und wenn ich es vermeiden kann, streite ich so oder so nicht gerne. Was ich aber gerne tue, ist, darüber zu reden, über das Stillen. Auch heute noch, wo Maggie kürzlich ihren zweiten Geburtstag gefeiert hat und wir schon lange in die Kategorie “Langzeitstillen” fallen. Wir stillen von Anfang an hauptsächlich nach ihren Bedürfnissen. Hin und wieder vertröste ich sie auf später (wenn wir gerade beim Einkaufen sind, z.B.), aber es gab eigentlich nur eine einzige Situation, wo ich ihr das Stillen verweigert habe – da hatte ich zum Geburtstag ihres Papas vor drei Monaten zu viel Wein getrunken und stillte sie selbstverständlich in dieser Nacht nicht mehr. Hat auch gut geklappt. Ansonsten verzichte ich auf Alkohol oder trinke, wenn überhaupt, nur zu besonderen Anlässen mal ein kleines Glas Sekt oder Wein.

Ich sage gerne: im Herzen war ich schon immer eine “Langzeitstillmama”. Schon Milan wollte ich mindestens ein Jahr stillen und danach dann, wie es uns beiden gefiele. Wie ich dir schon einmal kurz erzählt habe, ging das gründlich schief und ich stillte nach nur fünf Wochen ab – ich weine heute noch darum und weiß ziemlich sicher, dass er es auch heute noch brauchen und genießen würde.

Natürlich bekam auch er Liebe, Liebe und noch mehr Liebe und obwohl Stillen in den allermeisten Fällen das Beste ist, bin ich niemand, der Flaschennahrung generell ablehnt oder gar verteufelt. Wer nicht stillen will, muss das meiner Meinung nach auch nicht und wird mit ziemlicher Sicherheit trotzdem ein zufriedenes, gesundes Menschenkind großziehen. Ich erlebe allerdings auch häufig, dass eine Stillbeziehung sehr früh auf Grund von Fehlinformationen und/oder durch (vermeintliches) Fachpersonal in Kombination mit der Unsicherheit einer jungen Familie zerstört wird, oftmals mit dem Ergebnis, dass in der Folge noch mehr Fehlinformationen verbreitet werden. Und das macht mich dann schon traurig und auch wütend, das gebe ich zu. Das war bei mir damals nicht anders.

Eigentlich war ich schon in der Schwangerschaft mit dem Großen ziemlich gut informiert. Nur fehlten eben Erfahrung und (vor allem) Selbstsicherheit. Als Erstgebärende wirst du ja häufig wie ein kleines Dummchen behandelt (war jedenfalls bei mir so und ich habe mit vielen Müttern gesprochen, denen es ähnlich ging). Dir wird die Kompetenz abgesprochen, Du wirst belächelt und nahezu verspottet (ja wirklich, im Anmeldegespräch fürs Krankenhaus sagte mir der Anästhesist wissend lächelnd und mit leisem Kopfschütteln, wir würden uns sehr sicher noch sehen, als ich ihm erklärte, ich würde keine PDA wollen! Und auch mein Wunsch einer ambulanten Geburt wurde nur kritisch und etwas spöttisch zur Kenntnis genommen – selbst, als ich zur Geburt kam, bedrängte man mich, ich solle doch ein paar Tage bleiben – und das sind nur einige wenige Beispiele), dir wird Angst gemacht und noch eine Untersuchung (und noch eine und noch eine) schöngeredet. Und das hört ja mit der Geburt nicht auf. Womit wir wieder beim Stillen sind.

Ich habe relativ flache Brustwarzen, eine ist auch eine sogenannte “Schlupfwarze”, sie ist also nicht nach außen gewölbt, sondern etwas “eingedrückt” – in meinem Fall nur ganz leicht. Ich habe mich schon in der ersten Schwangerschaft sehr intensiv damit beschäftigt, wusste auch über Stillhütchen Bescheid und auch, dass man diese in aller Regel nicht braucht. Die Brust ist zum Stillen gedacht, das Kind ebenso dafür gemacht und auch mit Flach- oder Schlupfwarzen lässt es sich meistens problemlos stillen – und wenn es nicht klappt, kann man immer noch zu Hilfsmitteln wie eben bspw. Stillhütchen greifen. So weit so gut, mir war also klar: KEINE Stillhütchen. Dann, kurz vor der Geburt, sah meine Hebamme meine Brust und sagte “Oh, da hole ich dir mal lieber Stillhütchen!” Und ich? Erschöpft, verunsichert, mich ausgeliefert fühlend, nickte. Ich nickte einfach. Obwohl ich es besser wusste. Heute würde ich es anders machen, ja, heute habe ich auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Natürlich war ich es selber Schuld, das will ich gar nicht schön reden. Es war meine Entscheidung, meine Zustimmung. Dennoch: das Ergebnis eines Mürbemachens, das die gesamte Schwangerschaft hindurch stattgefunden hatte. Und – auch das ist mir natürlich bewusst – das geschieht nicht aus böser Absicht, sondern eben, weil viele Ärzte und Hebammen es schlicht und einfach nicht besser wissen. Und weil ich mich als “nur” Schwangere nicht kompetent “genug” gefühlt habe und mich untergeordnet habe. Obwohl ich die Stillhütchen nicht wollte – aus gutem Grund und mit bestem Wissen! – und obwohl ich sie vom ersten Moment an verabscheut habe, diese Fremdkörper zwischen meinem Kind und mir.

Zu Hause ging es dann weiter. Ich solle besser keinen Sprudel trinken. Keine blähenden Sachen essen. Nicht so viel stillen, da mein Kind offensichtlich keinen Hunger habe. Alles, wirklich alles, hatte ich schon in der Schwangerschaft recherchiert und wusste, dass es Quatsch ist. Dass die Nahrung der Mutter in den seltensten Fällen einen Einfluss auf das gestillte Kind hat, da Muttermilch aus dem Blut und nicht aus dem Mageninhalt gebildet wird – Kohlensäure, blähendes wie Kohl usw. kommt beim Kind nicht an. Ich wusste es BESSER und habe dennoch gemacht, wie es mir gesagt wurde. Habe zu wenig getrunken, weil mir Sprudel nun mal besser schmeckt, als Wasser mit wenig (oder gar keiner) Kohlensäure. Hatte beim Blumenkohl essen ein schlechtes Gewissen. Fühlte mich fremdbestimmt und wie ein (nicht für voll genommenes) Kind. Meine Hebamme war nett, gar keine Frage, sie meinte es auch gut, das weiß ich. Ich kam gut mir ihr zurecht. Das machte es noch schwieriger, mir selbst zu erlauben, ihren Rat “links liegen” zu lassen. Ich fügte mich in meine Rolle als unwissende Erstmutter und wurde immer unzufriedener und gestresster.

Unser Sohn kam mit den Stillhütchen nicht zurecht, verschluckte sich ständig, schluckte zu viel Luft, wir waren beide andauernd milchgetränkt. Besonders nachts ging Stillen fast gar nicht, ich war die meisten Nächte nur am Weinen, weil das Stillhütchen nicht hielt, wir beide ständig nass waren, meine Brüste schmerzten, meine Brustwarzen wund wurden. Es schüttelte mich nach ein, zwei Wochen jedesmal, wenn ihn anlegte, vor Ekel (nicht ihm gegenüber, sondern dem Stillen gegenüber, das ich mir doch so schön vorgestellt und so sehr gewünscht hatte). Ohne Stillhütchen bekam er die Brust nicht zu fassen und schrie noch mehr. Es war einfach fürchterlich. Und ich kam mir wie die letzte Versagerin vor. Ich begann, abzupumpen und ihm die Muttermilch vor allem nachts mit einem Fläschchen zu füttern. Funktionierte eine zeitlang ganz gut und brachte ein wenig Entspannung rein. Als Dauerlösung war das aber (für mich) auch nichts. Der erste Entwicklungsschub kam mit vier/fünf Wochen und brachte das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen. Er stillte sehr häufig (ganz normal!), das Abpumpen klappte nicht mehr so gut (ganz normal!), ich geriet in Stress (ganz normal!), die Brust war weich (ganz normal!) und ich dachte, er bekäme nicht genug Milch (weil die Brust eben weich war und sich “leer” anfühlte – Blödsinn! Wirklich!).

Zwischen der fünften und achten Lebenswoche (im Durchschnitt) stellt sich die Brust auf Angebot/Nachfrage-Regulierung um. Vorher war die Devise: produzieren, produzieren, produzieren. Alles muss sich einstellen, aufeinander abstimmen. Die Brust ist prall, man kommt sich wie ein Busenwunder vor. Das bleibt aber nicht die ganze Stillzeit so. Der Körper, die Brust, gewöhnen sich an das Stillen. Ein Baby kann eine Brust nicht “leer” trinken – Muttermilch wird immer (!) weiterproduziert, wenn Bedarf da ist – soll heißen, wenn nach Bedarf des Babys/des Kindes gestillt wird, nicht (oder, wenn es sein muss, stillfreundlich, im besten Fall mit Brusternährungsset) zugefüttert wird, wenn intuitiv gestillt wird, wenn ohne Stress gestillt wird.

Nur: das wusste ich nicht – jedenfalls nicht so im Detail, wie ich es heute weiß. Ich dachte, nach wochenlangem Superbusen, ich hätte es nun komplett verkackt. Und weinte wieder. Und weinte und weinte. Und kaufte Pulvernahrung. Und stillte ab. Weil ich merkte, dass meine Ablehnung dem Stillen gegenüber mehr und mehr unsere Mutter-Kind-Beziehung belastete. Weil ich nicht den Mut und nicht die Kraft hatte, eine Stillberaterin um Hilfe zu bitten. Weil ich dachte, es sei schon in Ordnung. War es auch, generell. Nur eben für mich nicht. Mein Herz war gebrochen. Ich hatte (meiner Meinung nach) versagt.

Bei Maggie machte ich es anders. Wir planten eine Alleingeburt, ich entschied mich bewusst gegen eine Nachsorgehebamme, ich verließ mich einzig und alleine auf meine und ihre (Still-)Kompetenz. Und, wie du weißt: wir stillen immer noch. Gerne und häufig und ohne Stillhütchen.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen?

Nee, sicher nicht. 😉 Das erste Anlegen war so eine Sache. Weils nicht klappte und ich wieder unter Stress geriet. Ich habe mir dann – ganz unromantisch – mein Handy geschnappt, die Kleine im Arm gehalten und ihre Geburt verkündet. Und da schnappte sie sich ganz alleine meine Brust und stillte. Das meinte ich auch mit “intuitiv stillen”. Leg dir das Baby auf den Bauch, lenk dich ab, wenns sein muss, den Rest erledigt es von selber. Hast du schon einmal gesehen, dass der Arzt oder die Hebamme das Baby bei der U-Untersuchung hinstellt und “laufen” lässt? Genau dieser Schreitreflex dient dem Neugeborenen dazu, deine Brust zu finden – es stößt sich von dir ab und robbt zur Brust. So einfach und genial ist die Natur! Da braucht es keine Hebamme, die deinem Kind die Brust in den Mund stopft. Das wissen wir nur nicht (mehr).

Auch sonst musste ich das Stillen erst (wieder und diesmal “richtig”) lernen. Hinzu kam, dass wir bei der Standesamtanmeldung nach der Alleingeburt einen eher anstrengenden Standesbeamten erwischten, der uns ordentlich Stress machte – das Ende vom Lied war ein dicker Milchstau mit 40 Grad Fieber und Schüttelfrost über mehrere Tage, den ich dank meiner Mama und eines fachkundigen Apothekers mit Hausmitteln und Homöopathie und ohne Arzt und Krankenhaus kurieren konnte. Außerdem stillen wir bereits lange nur noch rechts – ja, auch einseitiges Stillen ist überhaupt kein Problem!

Und natürlich habe ich auch die ein oder andere Stillkrise hinter mir. Wenn sie jede halbe Stunde an der Brust hängt, über mehrere Tage (oder Nächte) ist das anstrengend, ja. Wenn ich lese, dass Kinder, sobald sie (zumindest nachts) abgestillt wurden, viel besser schlafen, denke ich mir auch mal “Hmm… vielleicht ist da was dran?” Aber, wie schon gesagt, bisher stillen wir nach wie vor, wie sie es möchte und braucht – und das ist vollkommen in Ordnung für mich. Denn auch anstrengende Phasen gehen vorüber und das mit dem (Durch-)Schlafen kommt auch so irgendwann. 😉 Die Fremdbestimmung und der Wunsch, meinen Körper wieder “für mich” zu haben, beschäftigten mich interessanterweise vor allem im ersten Jahr. Ich habe meine weiblichen Zyklus SEHR vermisst. Damit stehe ich ziemlich alleine da, aber ich fühlte mich einfach nicht ganz “Frau” so ohne Zyklus. Meinen ersten Eisprung hatte ich, als die Kleine etwa ein halbes Jahr alt war. Es dauerte danach noch mal etwa ein halbes Jahr, bis mein Zyklus wieder regelmäßig war – nach dem ersten Eisprung war meine zweite Zyklushälfte nur sieben Tage kurz (statt ca. 14), das steigerte sich dann nach und nach auf neun, zehn, 12 und schließlich meine gewohnten 14 bis 15 Tage. An den ersten zwei Zyklustagen ist die Milch immer etwas weniger (ganz normal! Haben wohl viele Mütter!), mit der Konsequenz, dass die Kleine rabiater stillt, fester saugt, öfter an die Brust will, unzufriedener ist – dafür hat sie dann in den darauf folgenden Tagen viel Milch und trinkt wieder zufriedener und ruhiger. Fremdbestimmt bin ich durch die Kinder so oder so (wenn man es denn so nennen will), da ich die Hauptbezugsperson bin, da spielt das Stillen also nur eine untergeordnete Rolle.

Bild vom Stillen draußen.

Ich kann nur sagen: ich liebe es zu stillen. Es ist eine ziemlich geniale Sache und ich lerne immer noch ständig Neues darüber! Gerade erst habe ich gelesen, dass das “Kneifen” und “Knibbeln” der Brustwarze durch das Kind (unter anderem) den Sinn hat, dass so Viren und Bakterien übertragen werden, die dem Körper signalisieren, passende Antikörper zu produzieren. Ist das genial? Gerade, wenn die Kinder krank sind, ist Stillen eine tolle Sache – gerade sind wir wieder mit einer dicken Erkältung geschlagen und sobald Maggie stillt, löst sich der ganze Schleim und Schnodder (verzeih die bildhafte Sprache!) und sie erholt sich deutlich schneller als Milan. Auch die Zusammensetzung der Muttermilch überrascht mich jedes Mal aufs Neue – die Stillberaterin Regine Gresens hat auf ihrer Seite Stillkinder.de einmal alle Inhaltsstoffe aufgelistet.

Warum also so ein langer Text zum Stillen?
Weil ich Mut machen will.
Weil ich dir sagen will: lass dich nicht verrückt machen. Informier dich selbst, höre auf dein Gefühl.
Stillen ist nicht schwer. Stillen ist nicht schlecht. Stillen ist nicht nutzlos. Stillen ist schon gar nicht abartig – auch wenn dein Kind schon älter als sechs Monate ist. Und auch, wenn das vor allem in unserer westlichen Welt ungewohnt ist: das natürliche Abstillalter des Menschen liegt zwischen 2,5 und 7 (!) Jahren – hast du schon einmal überlegt, warum die „Milch“zähne mit durchschnittlich sechs bis sieben Jahren ausfallen? 🙂

Ich stille meine Zweijährige. Stolz. Überall. Und ich verstecke mich/uns dazu nicht (ich lasse auch nicht meinen Busen rausbaumeln, keine Sorge, ich habe durchaus ein [sogar recht empfindliches] Schamgefühl. Man muss ja nicht alles schwarz-weiß sehen, zwischen Auf-dem-Klo-stillen und Meine-Brust-öffentlich-zur-Schau-stellen gibt es noch ganz viele Abstufungen 😉 ). Und ja, das war auch bei mir ein Prozess. Da wächst man rein. Als ich auf der Hochzeit meiner Freundin die gerade 3-Monate-junge Tochter stillte, kam ich mir ganz komisch dabei vor – im Gegensatz zu heute mit Kleinkind auf dem Schoß.